"Zu lange haben wir in Deutschland die Verteilung optimiert und darüber vergessen, wo Wohlstand herkommt.", attestiert Westerwelle in seinem Gastkommentar für die Welt.
Aha? Dann sollten wir dem Gedächtnis vielleicht einfach etwas auf die Sprünge helfen. Ladies and Gentlemen, ich präsentiere stolz die Optimierung der Verteilung seit der Wiedervereinigung in 4 Schaubildern:
"Empfänger sind in aller Munde, doch die, die das alles zahlen, finden kaum Beachtung"Tun wir Guido also einen Gefallen und reden wir endlich einmal über die Menschen, die den Karren ziehen. Allerdings kommen die wahren Leistungsträger nicht aus der wegbröckelnden Mitte, die der FDP-Chef hier nach allen Regeln der Kunst umgarnt und auf seine Seite zu ziehen versucht. Trotz aller Steuererleichterungen trägt das obere Viertel der Einkommensbezieher immer noch ca. drei Viertel der gesamten Steuerlast. Diese Gerechtigkeit muss man den Besserverdienenden bei allem Sozialneid doch widerfahren lassen.
Und die Stammwählerschaft der FDP kann über die Entwicklung der letzten 20 Jahre nun wirklich nicht klagen. Fast der komplette Wohlstandsgewinn konzentrierte sich mit 26% bzw. 12% realem Einkommenszuwachs auf die oberen Einkommensdezile. Darüber hinaus waren 2007 auf dem Höhepunkt des Booms fast zwei Drittel des individuellen Nettovermögens allein in der Hand des oberen Dezils. Unter dieser Verschiebung der Steuer- und Abgabenlast durch Maßnahmen wie Senkung des Spitzensteuersatzes von 53% im Jahr 1990 auf 42% in 2010 oder der Steuerbefreiung von Veräußerungsgewinnen bei steigender Mehrwertsteuer und Sozialversicherungsbeiträgen und der Verabschiedung der Leistungsträger aus der Solidargemeinschaft hat die Mitte in Wahrheit zu leiden, nicht unter der notwendigen sozialen Absicherung der Globalisierungsverlierer.
Um die schrumpfende Mittelschicht zu stärken, müssen die Leistungsträger sich wieder stärker beteiligen, da beißt die Maus nun wirklich keinen Faden ab. Doch Westerwelle strebt stattdessen an, die falsche neokonservative Politik der vergangenen Dekaden auf die Spitze zu treiben, obwohl das alte Paradigma sich spätestens seit der Finanzkrise überlebt und auch in der Bevölkerung keine Mehrheit mehr hat, wie die FDP wohl spätestens bei der kommenden Landtagswahl in NRW leidvoll wird erfahren müssen. Dabei wäre er mit der FDP paradoxerweise wahrscheinlich der einzige, der die notwendige Korrektur einleiten könnte.
"Nur Nixon konnte nach China reisen." ist in Amerika zu einem geflügelten Wort geworden. Gemeint ist, dass nur ein konservativer Hardliner wie Nixon glaubhaft die Annäherung an China vollziehen konnte, weil ein Demokrat immer nur das halbe Volk repräsentiert hätte, solange die republikanische Opposition im Hintergrund mit einer Richtungsänderung im Falle eines Machtwechsels droht.
Analog wäre es nur Westerwelle möglich, die Leistungsträger, die sich vom Staat ausgebeutet und von der Mehrheit der Bevölkerung geringgeschätzt fühlen, in einer "Blut, Schweiß und Tränen"-Rede zu einem gemeinsamen Kraftakt für das Wohl unseres Landes aufzurufen. Eine Umverteilung durch eine Links-Koaltion würde immer aus einer falsch verstandenen Anspruchshaltung auf Solidarität und Sozialneid resultieren, weswegen sie bei den so in Anspruchgenommenen immer auf Widerstand und Unwillen stieße. Die Mentalität von der Steuerhinterziehung als Notwehr gegen einen ausufernden Sozialstaat würde zementiert und die Gesellschaft weiter gespalten. Nur die Klientelpartei der Besserverdienenden kann zu einer freiwilligen Solidarität aufrufen, welche von der Bevölkerung dann auch angemessen honoriert würde, und gleichzeitig den überfürsorglichen Sozialstaat in seine Schranken weisen.
Westerwelle hat die Chance in die Fußstapfen seines großen Vorbildes Genscher zu treten, er muss sie nur nutzen. Auch er könnte als Einheits-Außenminister in die Geschichte eingehen, der maßgeblich zur Wiedervereinigung Deutschlands beigetragen hat, wenn er ebenso entschlossen wie Genscher gegen die geographische Teilung der deutschen Gesellschaft gekämmpft hat gegen die materielle und geistige Trennung zwischen arm und reich angeht.
Mehr noch: Er würde sich in die Reihe großer Staatsmänner einfügen, die das Unpopuläre aber Notwendige selbst gegen Widerstände aus der eigenen Partei durchgesetzt haben.
Doch davon sind wir leider weit entfernt. Viel eher scheint Westerwelle sich hinter anderen großen Demagogen einzureihen. Das Festhalten an seinen Steuersenkungsplänen und die Polarisierung im Zuge der Hartz IV-Debatte drohen die Gesellschaft endgültig zu spalten. Und dies wahrscheinlich nicht einmal aufgrund von Unkenntnis der Faktenlage sondern aus eiskaltem politischem Machtkalkül heraus. Er sollte besser seine eigenen Worte ernst nehmen:
"Eine Gesellschaft ohne Mitte fliegt auseinander, und der Politik fliegt sie um die Ohren."